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Schule neu denken – Reformpädagoge Otto Herz ehrt SuS der EFG für ihren Mut zur Mündigkeit

Aufgabe der Schule ist es, das Gelingen zu organisieren,
nicht das Misslingen zu dokumentieren.
Otto Herz

Die SV der Erich-Fried Gesamtschule wagt sich - im Rahmen des preisgekrönten Projektes, das die Gesamtschüler bereits in den deutschen Landtag führte - an den Entwurf einer Zukunftsschule. Tatkräftige Unterstützung bekamen die Jugendlichen vom renommierten Reformpädagogen Otto Herz, der das Projekt ehrte und Schüler und Lehrer daran erinnerte, wie wichtig es ist, mutig zu sein.

Schule neu denken – Reformpädagoge Otto Herz ehrt SuS der EFG für ihren Mut zur Mündigkeit

Um den Gedankenaustausch über Schülerstress und Schülerzufriedenheit, über Bildungsgerechtigkeit, Vielfalt und Mitmenschlichkeit noch einmal zu beleben, folgen Auszüge der Diskussion, die sich mutig an Themen von gesellschaftlicher und bildungspolitischer Brisanz wagte.

Jana: Herr Herz …

Otto Herz: Bitte, duzt mich doch…

Jana: Gerne. Otto, im Rahmen unseres Projektes und der Idee, eine Schule der Zukunft zu denken, sind wir darauf gestoßen, dass viele SuS unter Wahrnehmungs- und Konzentrationsproblemen leiden. Wir haben beobachtet, dass Schulen meist sehr leistungsorientiert arbeiten, wirtschaftliche Interessen fest im Blick halten, während es vielen jungen Menschen an Empathie und Mitgefühl fehlt. Wir sind auf Widersprüchlichkeiten im Schulsystem gestoßen: Alle reden von Integration und dann wird doch selektiert, wenn man nicht funktioniert. Es scheint, als hätte das deutsche Schulsystem versäumt, Antworten auf die wirklich bedeutenden gesellschaftlichen Probleme zu finden. Kurz: Ist die Frage, ob wir gut trösten können, nicht wichtiger (oder zumindest genauso wichtig) als eine gute Note in Mathe?

Otto Herz: Bevor ich auf deine Fragen eingehe, möchte ich euch eine Botschaft mitgeben: Euer Projekt ist großartig, weil ihr nichts hinnehmt. …und das ist auch schon meine Botschaft: „Nehmt nichts hin!“ Wenn jemand zu euch kommt und sagt: „Es ist halt so. Es muss so sein.“ Dann steht auf, – so wie ihr es gerade tut – seid mutig und sagt: „Nein, mir fällt was Besseres ein.“

Jana: Wann hast du begonnen, „nichts hinzunehmen“?

Otto Herz: Da muss ich etwas ausholen (lacht). Ich erzähle euch etwas aus meinem Leben, was gut zu dem heutigen Tag passt, dem Tag, an dem sich das Ende des zweiten Weltkrieges – der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte mit 60 Millionen Kriegstoten - zum 74. Mal jährt. Geboren wurde ich nämlich mitten im zweiten Weltkrieg. Mein Vater kämpfte damals noch im Krieg, im Fronturlaub – so hieß das damals, wenn die Soldaten für kurze Zeit nach Hause durften – hat er meine Mutter geschwängert (die Schüler lachen in die Stille der Aula hinein). Zur Welt kam ich also in einem Luftschutzbunker, da es im Jahr 1944 schon viele Tiefflieger der Amerikaner gab. Als ich 5 Jahre alt war, zog ein fremder Mann zu mir und meiner Mutter: das war mein Vater. Er wollte bestimmen und ich wollte diesem Fremden nicht gehorchen … so bin ich in Opposition zu meinem Vater aufgewachsen.

Rebecca: Nichts hinnehmen, war ja unser Thema.

Otto Herz: Richtig. Gleichwohl sage ich heute immer: Ich hatte das Glück unter extrem schlechten Bedingungen geboren zu werden und dann aus mir selbst heraus – mit Unterstützung meiner Mutter – mein Leben zu gestalten. Meine Schullaufbahn am Gymnasium endete schnell… denn schnell hatte ich den Ruf, ich sei dumm, faul und frech. … und wenn einer dumm, faul und frech ist, dann hält das ein Gymnasium nicht aus. So bin ich gleich in der 5. Klasse von der Schule geflogen, nach einem Jahr täglicher Demütigungen: Du gehörst nicht hierher, du verstehst das eh nicht.

Jana: … und dann bist du auf eine Gesamtschule gekommen?

Otto Herz: Nein, ich wurde Jungarbeiter auf dem Bau und dann passierte ein Wunder. Ein Unternehmer kam eines Tages und sagte: „Wir haben Sie beobachtet, Sie gehen wieder zur Schule, Sie gehören nicht hierher auf den Bau!“ Ich fragte, ob er kein freundlicheres Angebot hätte (SuS lachen), doch letztlich setzte er sich gegen meine Eltern durch mit dem Rat: „Mach Abi!“

Rebecca: Hast du dann Abi gemacht?

Otto Herz: Ja, ich schaffte mein Abi an einer der ersten Gesamtschulen überhaupt. … und wenn ich ein bisschen angeben darf mit Auszeichnung.

Matthias Beckmann: Also doch nicht bloß „dumm, faul und frech“ (Lachen in der Aula)? Du sprachst gerade von deiner Abschulung. Abschulung kann so viel in einem jungen Menschen kaputt machen. Das hat wiederum Folgen für die Gesellschaft. Wie sieht - deiner Meinung nach - ein System aus, das Menschen nicht kaputt macht?

Otto Herz: Zum einen was Grundsätzliches: Lernen ist das Holz, aus dem Abenteuer gemacht sind. Es gibt nichts Spannenderes! ABER: Lernen muss so gestaltet sein, dass die Schüler sagen: Toll! Das Ziel ist wichtig, den Schülern muss klar sein, worauf kommt es an, wozu lerne ich? Die Schule sollte fragen: Was hilft dir, dass du deine wunderbaren Potentiale entfalten kannst?
Aufgabe der Schule ist es, das Gelingen zu organisieren, nicht das Misslingen zu dokumentieren.
In meinem späteren Leben habe ich dann eine Schule geschaffen ohne Klassenarbeiten, auch später als ich an der Uni gelehrt habe, war meine Herangehensweise: Du sagst mir, was dich interessiert, dann zeigst du mir, was du dir erarbeitet hast aufgrund deines Interesses… und ich helfe dir. Ich hatte zum Beispiel einen Schüler, der unbedingt einen bestimmten arabischen Dialekt erlernen wollte. Er hat mich überzeugt und ich habe mich als Schulleiter dafür eingesetzt, dass er diesen Dialekt lernen darf (zur Not auch zu Lasten von Englisch, obwohl ich Englisch als Weltsprache unglaublich wichtig finde).

Rebecca: Gab es ein Motto an deiner Schule?

Otto Herz: Ja: Durchfallen gibt es nicht! Es gibt nur besser werden! …und das Gute heute ist, dass so progressive Unternehmen wie Google und Apple durchschaut haben, dass richtig gute Leute, an ihren Interessen gearbeitet haben und ein solches Lernen die besten Köpfe hervorbringt. Diese Unternehmen stellen schon lange nicht mehr nach Noten, sondern nach Kompetenzen ein. Beim Landtag ist das noch nicht angekommen.

Matthias Beckmann: Warum bekommt der Landtag das nicht mit? Warum verändert sich nichts im Schulsystem? Warum passt sich die Schule nicht der Vielfalt der Schüler an und erkennt an, dass die jungen Menschen in ihrer Vielfalt alle individuelle Stärken haben?

Otto Herz: Ich erkläre mir das aus den „Eltern der Schule“. Die Eltern der Schule sind die Kirche und das Militär. Die Kirche als ein Elternteil macht die Schule zu einer belehrenden Einrichtung. Lehrer – belehren. Das steht der modernen Auffassung konträr entgegen, nach der nicht belehrt werden soll, sondern Gelegenheiten zum Lernen geschaffen werden.
Der zweite Elternteil ist das Militär. Die Uniformität, die in unseren Lernanstalten steckt, kommt daher.
Rebecca: Du meinst: Macht alle das Gleiche zur gleichen Zeit?

Otto Herz: Genau diesen Quatsch! Ihr seid doch alle unterschiedlich. Originalität, nicht Uniformität wollen wir: Gut, gesund, fröhlich, kreativ, originell, mitfühlend… das ist es.
Wenig Belehrung, wenig Gleichschritt Marsch! Schule sollte Raum geben für viel individuelle Gestaltungsmöglichkeit.

Matthias Beckmann: Ich befürchte, dass sich die „Eltern“ nicht ändern, obwohl Belehrung doch Ungerechtigkeit produziert.

Jana: … und was ist mit den Eltern der Schüler? Ziehen sie mit?

Otto Herz: Ich mache euch ein Angebot. Ich komme zu eurer Elternvollversammlung und unterstütze euch. Auch Eltern haben die Sehnsucht auszubrechen. Viele Eltern teilen den Standpunkt, dass ihre Kinder toll sind in dem, was sie gerne machen.

Jana: Wie sähe denn die ideale Schule aus? Eine Schule ohne Abschulung, ohne Belehrung, ohne Uniformität?

Otto Herz: Eine Schule für alle, das wäre ein guter Anfang. Keine niedere Schule für niedere Menschen und keine höhere Schule für höhere Menschen, sondern eine Schule für alle, die sich auf Individualitäten einstellt. Eine Einrichtung, die einen jungen Menschen aufnimmt, hat doch Verantwortung, dass es gut läuft… Wechsel können sinnvoll sein, aber doch kein Rausschmiss. Wir sind unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Stärken… lasst uns den Kindern gerecht werden, in all ihrer Unterschiedlichkeit, in all ihrer Vielfalt.
… und nach meiner Ansicht hat noch nie jemand das gymnasiale Chromosom gefunden (schmunzelt).

SuS (aus dem Plenum): Individuelle Kompetenzen stärken, nach Interessen lernen, das klingt gut. Aber wie will man diese bewerten?

Otto Herz: Es ist sehr wichtig, dass es keine Mogelpackungen gibt… die Heizung soll schon funktionieren, wenn ich einen Fachmann bestelle (lacht). Als Schüler meiner Schule bescheinige ich dir, was du dir erarbeitet hast. Ich beschreibe deine Kompetenzen, deine Stärken in einem Portfolio. Das sagt dem Arbeitgeber über dich doch auch viel mehr als irgendeiner Note. Außerdem bescheinige ich dir auch andere Kompetenzen, wie Teamarbeit und Einfühlsamkeit. An meiner Schule organisiere ich das Abschreiben, neudeutsch Teamarbeit (lachen). Sich gegenseitig zu helfen, gemeinsam an einem Projekt zu wachsen, dafür zu sorgen, dass die Aufgabe gut bewältigt wird, jeder wirkt mit seinen Stärken mit …darauf kommt es doch an.

SuS (aus dem Plenum): Das klingt auch gut. Wo war Ihre, deine Schule nochmal? (Lachen in der Aula) Aber im Ernst: Abi machen ohne Abiklausuren? Wie soll ich mit einem Portfolio gegen ein 1,5 Abi ankommen? Geht das?

Otto Herz: Ein ganz klares Jein. Gesamtschulen stehen für mich für Mut, für Aufbruch, für eine neue Welt! Schule neu zu denken braucht mutige Menschen wie euch. Wirf weg, was du mit Abi verbindest! Wie schon gesagt, große Unternehmen wie Google, die Deutsche Bahn mittlerweile auch, oder Apple setzen schon länger nicht mehr auf Ziffern-Notenzeugnisse, sondern schauen auf die Kompetenzen.

SuS (aus dem Plenum): … dann sind Unis überflüssig?

Otto Herz: Ich möchte noch einmal mit einer Anekdote aus meinem Leben antworten. Ich war Studentenvertreter als wir in den 68ern die Unis auf den Kopf gestellt haben. Damals gab es an allen Unis einen NC auf Medizin. Dagegen haben wir aufbegehrt. Meine Enkel studieren heute beide Medizin (schmunzelt), und das ist nur möglich, weil es keinen NC mehr gibt. Ein Notendurchschnitt entscheidet doch nicht, ob ich ein guter Arzt werde oder nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat damals diesen Quatsch ausgesetzt. Lasst eure Vernunft voranschreiten, anstatt die Unvernunft siegen zu lassen, weil es immer so war.

SuS: …da ist was dran. …und in unserem Projekt haben wir ja die Konsequenzen gesehen, die aus dem jetzigen System resultieren.

Otto Herz: Genau, es gibt eine große Zahl junger Menschen, die krank werden, sich aus Verzweiflung radikalen Gruppen zuwenden, auswandern, unglücklich sind…Ich bin nicht naiv-doof…ich habe Reden für Johannes Rau geschrieben, der viele meiner Ideen einer neuen Schule aufgenommen hat.

SuS: …da muss ich an Greta denken, die auch von vielen Seiten als naiv hingestellt wird.

Otto Herz: Ich weiß, was du meinst. „Sie schwänzt die Schule“ ist bei vielen der erste Gedanke. Dabei muss doch gelobt und anerkannt werden, wenn sich jemand für was Gutes einsetzt. Was in meinem Leben auch ein wichtiger Schlüsselbegriff war: Selbstwirksamkeit. Damit ist gemeint, dass Menschen, die Selbstwirksamkeitserfahrungen machen, also beispielsweise erfahren, dass sie aus sich selbst heraus was verändern können, biographisch erfolgreicher sind, als Menschen, die sich in eine Opferhaltung begeben: Ich bin Opfer meiner Umstände, ich war auf der falschen Schule, hatte schlechte Eltern.
Das was ihr als Initiative ins Leben gerufen habt und die Idee dahinter: Wir wollen besser, anspruchsvoller, sinnvoller, gesünder lernen und dazu brauchen wir andere Umstände…das ist gelebte Selbstwirksamkeit… und wenn ihr wollt, drehen wir gemeinsam eine Doku für Frank Walter Steinmeier und geben euren Gedanken weiter, dass wir Schule so einrichten, dass wir alle gerne in ihr leben.

Matthias Beckmann (Lehrer): Eine andere Frage, die mich als Lehrer der Erich-Fried Gesamtschule brennend interessiert. Es heißt du hast Erich Fried mal kennengelernt und mit ihm einen Kaffee getrunken. Was war er für ein Mensch?

Otto Herz: Zutiefst warmherzig, ein Mensch, den ich gern in den Arm nehme. Aber auch verbittert, verzweifelt: So ein Scheißdreck! Aus seiner Empörung heraus hat er tolle Gedichte geschrieben. Auf meinem Nachttisch liegt ein Gedichtband von ihm. Seid froh, dass ihr diesen wunderbaren Namen für eure Schule habt! Vielleicht könntet ihr jeden Tag mit einem Gedicht von ihm beginnen. …oder ihr beginnt den Tag und widmet euch einer vom Aussterben bedrohten Tierart… mit einer Gedenkminute. Von unseren 8 Milliarden Tierarten sind 1 Milliarde vom Aussterben bedroht.

SuS: … eine Milliarde?

Otto Herz: Ich steig bald in die Kiste (lächelt). … aber ihr, ihr könnt noch was bewirken! Es ist eure Welt! Lasst euch nicht abhalten! Stellt euch! Streitet euch! …aber in der Liebe und Zuwendung Erich Frieds.

ERTU, 18.06.2019

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